Nie war es so dermaßen im Trend sich selbstständig zu machen (oder neudeutsch ein StartUp zu gründen) wie heute. Anbei ein Leitfaden, wo du dich selber testen kannst, ob die Selbstständigkeit zu dir passt.

Bin ich ein Gründer?
Bin ich ein Gründer?

Drum prüfe, wer …

… sich dazu entscheidet alle Sicherheiten aufzugeben.

Bevor du startest solltest du dir über eins im klaren sein: Wer sich für die Selbstständigkeit entscheidet, gibt alle Sicherheiten auf, da du alleine für dein Einkommen verantwortlich bist.

Als Selbstständiger bist du ganz alleine dafür verantwortlich, dass du deine monatlichen finanziellen Verbindlichkeiten wie Miete, Strom, Lebensunterhalt, etc. bedienen kannst. Gerade zu Anfangs, womöglich ohne Aufträge, kann dies zu einer Mammutaufgabe werden, sofern dein Startkapital gering sein sollte.

Deine Idee

Bevor du überhaupt irgendetwas machst, solltest du schonungslos offen analysieren, ob deine Idee der Selbstständigkeit überhaupt funktionieren kann. Hier einige Fragen, die du dir stellen solltest:

  • Womit genau will ich zukünftig meinen Lebensunterhalt bestreiten?
  • Will ich eine Dienstleistung oder ein Produkt verkaufen?
  • Wie hoch ist der Gewinn an meiner Dienstleistung / meiner Produkte? (Stichwort Kalkulation)
  • Was macht mich für potenzielle Kunden attraktiv? Wer ist überhaupt meine Zielgruppe?
  • Was kann ich, was andere nicht können (Alleinstellungsmerkmal deiner Geschäftsidee)?
  • Was unterscheidet mich von der Konkurrenz?
  • Kann ich meine Geschäftsidee alleine realisieren oder bin ich auf die Hilfe Dritter zwingend angewiesen?
    Es macht beispielsweise kaum Sinn eine Software entwickeln zu wollen, wenn man selber keine Ahnung von Softwareentwicklung hat und folglich auf die Kompetenz sowie die Aussagen von Software Entwicklern angewiesen ist.
  • Kann ich mit meinem Geschäftskonzept auch langfristig meine Lebensunterhalt bestreiten?
  • Was ist mein Konzept um Folgeaufträge zu genieren?

Der Anfang

Gründen bzw. sich selbstständig zu machen ist eigentlich gar kein großer Aufwand. Du benötigst einen Gewerbeschein, den du bei deiner Stadtverwaltung bekommst. Das Anmelden einer gewerblichen Tätigkeit kostet ca. 25 EUR Verwaltungsgebühr. Ist das erledigt, bist du offiziell selbstständig. Ggf. kann es passieren, dass du kurz nach deiner Gründung eine neue Steuernummer von deinem zuständigen Finanzamt zugeteilt bekommst.

Möchtest du direkt ein Unternehmen in Form einer UG, GmbH, KG, etc. gründen, benötigt du hierfür juristischen Beistand in Form eines Notars, da die genanten Gesellschaftsformen notariell beurkundet werden müssen. Zudem muss ein Gesellschaftervertrag formuliert werden. Im Internet gibt es einige Dienstleister, die diese Aufgabe für dich erledigen.

Tipp: Suche dir gezielt einen Notar deiner Wahl vor Ort. Das mag u.U. ein wenig teurer sein, doch so hast du direkt einen persönlichen Kontakt & Ansprechpartner, der dir mitunter zusätzliche Tipps zur Gründung geben kann.

Zusätzlich solltest du prüfen, ob deine Geschäftsidee einen Eintrag ins Handelsregister oder in die Handwerksrolle vorschreibt.

Eigenkapital / Budgetierung

Jeder Selbstständiger muss vom ersten Tag an eins sein … der wissende Experte für alle Finanzen, privat sowie geschäftlich.

Beantworte dir folgende Fragen:

  • Wieviel Geld benötigst du monatlich für deinen privaten Lebensunterhalt (Miete, Strom, Nebenkosten, Lebensmittel, etc.)?
  • Wieviel Eigenkapital hast du?
  • Wie lange kannst du mit deinem Eigenkapital deinen Lebensunterhalt bestreiten, falls keine Aufträge kommen?
  • Kannst du mit deinem Eigenkapital neben deinen privaten Kosten auch deine geschäftlichen Kosten (Miete für Geschäftsräume, Produktionskosten, Löhne, etc.) finanzieren? Wenn ja, wie lange?
  • Wieviel Ertrag musst du monatlich erwirtschaften, damit dein Finanzplan mit einem positiven Ergebnis endet (Bedenke! Umsatz ist nicht gleich Gewinn!) ?
  • Wie leistungsfähig bist du? Ein Tag hat 24 Stunden, doch als „One-Man-Show“ stößt man sehr schnell an die natürlichen Grenzen des Machbaren, wenn dich z.B. mehrere Kunden gleichzeitig in Anspruch nehmen wollen. Sagst du Kunden mangels Zeit ab, könnte sich dies wiederum negativ auf dein Geschäft auswirken. Besonders in der heutigen Zeit muss man als Unternehmer mit den Worten „Nein“ oder „Geht nicht“ extrem vorsichtig umgehen.

Erwarte kein Verständnis von deinen Kunden für deine Situation!

Du allein wolltest dich Selbstständig machen. Kannst du die Wünsche des Kunden nicht bedienen, ist dies einzig allein dein Problem, aber nicht das Problem des Kunden. Klingt hart, doch so sieht die Realität aus.

Stichwort: Krankenversicherung 

Bedenke, dass sich alle Selbstständigen selber um eine Krankenversicherung kümmern müssen. Du bist nicht mehr automatisch gesetzlich versichert, so wie es bei einem Angestellten der Fall ist. Folglich musst du dir eine Krankenversicherung suchen und die Beiträge zu 100% selber finanzieren. Dies trifft auch auf das Thema der Altersvorsorge  / Rente zu. Der Gesetzgeber geht davon aus, dass sich jeder Selbstständige in Eigenregie um seine Altersvorsorge kümmert.

Ansprüche auf eine gesetzliche Rente stehen dir nur dann zu, wenn du auch weiterhin als Selbstständiger  in die gesetzliche Rentenkasse einzahlst. Da die zu zahlenden Beiträge jedoch meistens in keinem ordentlichen Verhältnis zum späteren Auszahlungsbetrag stehen, ist private Vorsorge der beste Weg.

Umsatz und Entnahmen

Alle Gelder die du aus deinem Unternehmen entnimmst gelten als „Privatentnahme“ und unterliegen der Einkommensteuer. Heißt konkret, hast du von einem Kunden einen Euro bekommen (Umsatz)  und steckst ihn in deine Hosentasche, gilt dies als „Privatentnahme“ und du musst neben 19 Cent Umsatzsteuer auch noch mindestens 14 Cent Einkommensteuer für das Finanzamt zurücklegen. Dein Gewinn beträgt im genannten Beispiel also nicht 1,00 Euro, sondern nur 67 Cent.

Faustformel zum Thema Umsatz & Steuern

40-45% deines Umsatzes gehören dem Finanzamt!

Finanzamt & Steuerberater

Als Selbstständiger bist du gezwungen monatlich auf den Cent genau nachzuweisen, wieviel Geld dein Unternehmen eingenommen hat (Umsatz) und wieviel Geld du für welchen Zweck (privat sowie geschäftlich)  entnommen hast. Das ganze nennt sich dann „Beleg Buchhaltung“.

Alle Geschäftsvorfälle die mit Geld zu tun haben müssen mit einem Beleg (Rechnungen, Verträge, etc.) dem Finanzamt gegenüber belegt / nachgewiesen werden. Kannst du dies nicht, kann es für dich teuer werden.

Nehme das Thema der Buchhaltung vom ersten Tag an sehr ernst, denn das Finanzamt kennt keinen Spaß und Aussagen wie „Das wusste ich nicht!“ interessieren das Finanzamt nicht. Als Selbstständiger musst du neben der Einkommenssteuer für deine Privatentnahmen auch Umsatzsteuer für deine Umsätze monatlich oder quartalsweise entrichten. Zusätzlich fällt einmal jährlich die Gewerbesteuer an, die sich anhand deinem getätigten Jahresumsatz berechnet und von der Stadtkasse deines Wohnorts erhoben wird.

Kannst du deine Steuerbescheide nicht zu den vom Finanzamt vorgegebenen Fristen bedienen, ist das Finanzamt befugt alle Bankkonten ohne Vorwarnung zu pfänden, bis sämtliche Forderungen erfüllt worden sind. Ratenzahlungen oder Zahlungsaufschübe werden seitens der Finanzämter nicht gestattet.

Um dem ganzen Stress zu entgehen und keine wichtigen Fristen zu vergessen, empfehle ich dir dringend einen fachlich visierten Steuerberater mit deiner Buchhaltung zu beauftragen.

Solltest du eine UG, GmbH oder KG gründen wollen, greift auch noch die Bilanzpflicht. Heißt, dass du am Ende eines Geschäftsjahres einen Jahresabschluss incl. Bilanz erstellen musst. Diese muss von der Gesetzeslage her wiederum von einem anerkannten StB / Wirtschaftsprüfer gegengeprüft werden.

Persönliche Anmerkung aus Erfahrung

Konsultiere einen ausgebildeten Steuerberater / Wirtschaftsprüfer und kein Buchhaltungsbüro für deine Buchhaltung. Sicherlich ist ein StB ein wenig teurer, doch nur ein StB hat Kenntnis über die zahlreichen gesetzlichen Änderungen, die in einem laufenden Kalenderjahr von Bundesministerium für Finanzen verabschiedet werden.

Dienstleister für Buchhaltung sind in der Regel nur Kaufleute. Sie können zwar Einnahmen & Ausgaben korrekt kontieren, doch bei steuerrechtlichen Rückfragen oder Betriebsprüfungen sind sie in aller Regel mangels Fachkompetenz schnell überfordert. Sichere dich daher ab und sehe deinen Steuerberater als Freund und eine Investition für ruhige Nächte.

Die richtige Infrastruktur

Als Selbstständiger benötigst du zwingend eine Infrastruktur, die in erster Linie deine Kommunikationsfähigkeit sicherstellt. Du benötigst:

  • eine geschäftliche Telefonnummer
  • eine professionelle Webseite mit eingerichteten SEO (Search Engine Optimization) damit man dich und deine Dienstleistung / deine Produkte besser findet
  • eine geschäftliche eMail Adresse
  • einen zuverlässigen Computer mit Office Programmen (z.B. Word, Excel, Pages, Numbers, etc.) und einer regelmässigen Datensicherung.
    Wichtig! Auch elektronische Unternehmensdaten müssen im Rahmen der GDPDU Richtlinie zu Teilen (ähnlich wie konventionelle Buchhaltungsdokumente) bis zu 10 Jahre aufbewahrt werden.  
  • einen schnellen Internetanschluss
  • ggf. ein Fahrzeug
  • ggf. Lager-, Produktions-, Büroräume

Bedenke, dass alle oben genannten Positionen in deine monatlichen Kalkulation der Geschäftskosten mit einfliessen müssen. Anfänglich kann man vielleicht noch von zu Hause aus arbeiten um Mietkosten für Geschäftsräumlichkeiten zu sparen, aber ein langfristiger Zustand sollte dies nicht sein.

Werbung & Marketing

Du kannst die beste Geschäftsidee haben, doch sie nutzt nichts, wenn dich und deine Idee niemand kennt.

Nutze daher das Internet! Dort kannst du mit wenigen Mitteln einen weitreichenden Werbeeffekt erzielen, ohne teure Werbeanzeigen in Printmedien in Auftrag geben zu müssen.

Sei mit deinem Unternehmen auf sozialen Plattformen (Facebook, Twitter, Instagram, etc.) präsent und pflege die Profile. Nur da sein bringt nichts, es muss auch kommuniziert werden.

Chef sein

Als Selbstständiger bist du dein eigener Chef. Du kannst dir deinen Arbeitstag selber gestalten und hast eine Menge Annehmlichkeiten, die man in einem Angestelltenverhältnis in der Regel nicht hat. Aber sehe nicht nur diese Vorteile.

„Chef sein“ bedeutet auch eine Menge Verantwortung zu tragen und mit diesem Druck langfristig klar zu kommen. Eine gute Geschäftsidee alleine bringt gar nichts, wenn du diese z.B. nicht überzeugend potentiellen Kunden präsentieren kannst. Kommunikationsfähigkeit und Verhandlungsgeschick sind gefragt um eine erfolgreiche Geschäftsbeziehung zu einem potenziellen Kunden aufzubauen.

Sei dir auch darüber im Klaren, dass du als Repräsentant deines Unternehmens mitunter mit Menschen kommunizieren musst, die du privat eher meiden würdest.

Last but noch least das wichtigste überhaupt … deine Leidenschaft!

Sei dir als Selbstständiger über eins im Klaren. Deinen bisherigen 8,5 Stunden Arbeitstag kannst du getrost vergessen, denn du wirst gerade zu Beginn wesentlich mehr arbeiten (müssen). Aufträge genieren sich nicht von alleine.

Selbstständig zu sein heißt in erster Line „SELBST“ und „STÄNDIG“. Ganz egal wie du startest, DU ganz allein bist in erster Linie für dich und deinen Unternehmenserfolg zuständig!

Gewöhne dich daran, dass du besonders in den ersten Jahren nach Beginn deiner Selbstständigkeit häufig arbeiten wirst, wenn deine Freunde schon lange ihre Freizeit geniessen. Gewöhne dich auch daran, dass du es dir in der Regel nicht mehr erlauben kannst 30 Tage pro Jahr mit Urlaub zu verbringen, denn wenn der Kapitän die Brücke verlässt, ist sein Schiff ohne Führung und ohne Führung geht es nicht.

Ein frisch gegründetes Unternehmen ist wie ein Baby und benötigt in den ersten Jahren 24 Stunden x 7 Tage Aufmerksamkeit. Bist du dazu nicht bereit oder der Meinung, dass es sicherlich nicht so hart werden wird, dann muss ich dich leider enttäuschen. Es wird hart werden, denn die freie Wirtschaft ist ein Haifischbecken, wo jede noch so kleine Schwäche gnadenlos gegen dich und dein Unternehmen verwendet werden wird.

Grundsatz der Selbstständigkeit

Nur wer voller Leidenschaft und bedienungsloser Opferbereitschaft bereit ist seine Geschäftsidee zu realisieren kann eine Aussicht auf Erfolg haben.

Schlusswort

Ich will nichts schlecht reden, doch die aktuellen Zahlen & Statistiken sagen aus, dass 9 von 10 Gründern bereits im ersten Jahr ihrer Selbstständigkeit scheitern. Ein aktueller Bericht des Bundesamtes für Statistik berichtet, dass ca. 100.000 Selbstständige in Deutschland sogar mit „Hartz4 Leistungen“ ihr monatliches Einkommen aufstocken müssen, weil sie sonst ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können.

Traurig, aber letztendlich auch der Beweis dafür, dass „gründen“ alles andere als einfach ist, weil sich gewisse Faktoren schwer bis gar nicht beeinflussen lassen.

Die häufigsten Gründe für das Scheitern sind irreale Vorstellungen, schön gerechnete Businesspläne, fehlende fachliche Kompetenz im Geschäftsgebiet, zu hohe Ausgaben sowie schlichte Fehlkalkulationen im Bereich Betriebswirtschaft.

Nur diejenigen, die bedingungslose Leidenschaft, Opferbereitschaft, eine nachhaltige Geschäftsidee sowie reichlich Kreativität mitbringen, haben eine gute Perspektive in der freien Wirtschaft zu bestehen … die Betonung liegt jedoch auf „Perspektive“ … eine Garantie gibt es nicht!

Halte dir eins immer wieder vor Augen. Ohne Aufträge die Umsatz generieren, ist deine Geschäftsidee zum scheitern verurteilt. Behandle deine Kunden daher immer gut. Fühlen sich deine Kunden bei dir wohl, werden sie es dir meistens mit einer stabilen Geschäftsbeziehung danken.

Persönliche Anmerkung

Diese Artikel basiert auf meinen persönlichen Erfahrungen aus 9 Jahren Geschäftstätigkeit mit Selbstständigen.