Deutschland im digitalen Tiefschlaf

Deutschland, das Land der Dichter und Denker, des Fortschritts und des Bewusstseins für hohe Qualitätsstandards. Nur im Bezug auf die Informationstechnologie und ihre Möglichkeiten steht Deutschland hinten an.

DigitalisierungWie sagte vor kurzer Zeit Frau Merkel “Das Internet ist Neuland”. Ich erschrak, als ich diesen Satz hörte, gleichzeitig musste ich Frau Merkel in ihrer Funktion als Bundeskanzlerin jedoch auch zustimmen. Das Internet und seine damit verbundenen Möglichkeiten sind tatsächlich vielen Deutschen so fremd, dass es schon beängstigend ist.

Der Beginn war müssig

Viele von uns werden sich noch an den legendären Satz von Boris Becker erinnern, als er mit “Bin ich schon drin?!” seiner Zeit für den damaligen Internetprovider AOL Werbung machte. Schlug man zudem eine Zeitung oder Magazin auf, befanden sich darin unsagbar viele CD’s mit der AOL Zugangssoftware. Selbst im TV wurde immer häufiger auf eine sogenannte Webseite mit einer http: Adresse hingewiesen. So fing das Internet an, langsam aber sicher in Deutschland bekannt zu werden.

Damals waren die Betriebssysteme Windows 98 und Windows ME aktuell und der sogenannte “Aldi PC” verkaufte sich wie “geschnitten Brot”. Alle wollten plötzlich einen PC zu Hause stehen haben und natürlich auch online gehen, wenn da nicht ein Haken gewesen wäre.

Um im Jahr 1999 “online” gehen zu können, musste man sich zu seinem PC auch noch ein Modem (56k)  kaufen. Dieses wurde dann mit der Telefondose verbunden und via konfigurierter DFÜ Verbindung auf dem PC konnte man sich dann wortwörtlich ins Internet einwählen. Der damalige Preis dafür lag bei rund 8 Pfennig Nutzungsgebühr pro Minute und während der aktiven Interneteinwahl war das Telefonieren nicht möglich.

Das Internet wurde schneller

Die Technologie Internet verbreitete sich schnell und ab 2001 gab es bei der Telekom die ersten 768k DSL Internet Anschlüsse zu buchen. Der große Vorteil der DSL Technologie lag darin, dass sie sehr schnell war und eine parallele Nutzung des Internets sowie des Telefons möglich war. Lediglich der hohe Preis von rund 50 DM monatliche Nutzungsgebühr schreckte die breite Masse der Anwender noch ab. Zu diesem Zeitpunkt waren Internet Flatrates in den USA schon lange etabliert und preislich erschwinglich.

Status heute

Würde man heute das Internet in Deutschland abschalten, so würden zahlreiche Anwender ein Problem haben, weil das Internet in vielen Bereichen des Alltags nicht mehr wegzudenken ist. Wir nutzen das Internet mit Smartphones, Tablets und die WLAN Technologie ist in fast allen Haushalten zu finden.

Wir schreiben eMails statt Briefe, wir chatten statt zu telefonieren, und Neuigkeiten rufen wir mal eben aus dem Internet ab, statt sie wie früher in einer klassischen Tageszeitung nachzulesen. Ja, das Internet hat unser aller Alltag verändert.

Die Schattenseiten

Doch leider gibt es, wie bei so vielen schönen Dingen, auch eine Schattenseite, denn mit dem Internet kamen auch digitale Schädlinge wie Viren, Würmer und Trojaner, die gerne mal das Betriebssystem eines PC’s zerlegten. War kein aktuelles Virenschutzprogramm auf dem PC installiert oder der Anwender in der Bedienung zu naiv, so hatten diese Schädlinge leichtes Spiel, welches häufig in einer Neuinstallation des Betriebssystems endete.

Leider haben diese Schädlinge auch dafür gesorgt, dass viele Anwender in Deutschland misstrauisch gegenüber dem Internet wurden. Die Themen “Datensicherheit” und “Bedrohung aus dem Internet” wurden in Deutschland so dermaßen hoch gekocht, dass etliche Anwender den Stecker zogen und sich aus der digitalen Welt wieder verabschiedeten. Wie Statistiken zeigen, nutzt nur noch jeder 4. Anwender von 40 Jahren und älter die Möglichkeit des Onlinebankings. Bei jüngeren Anwendern hingegen ist es fast jeder. Das Ergebnis ist damit begründet, dass junge Menschen mit den neuen Technologien wesentlich sicherer umgehen können, als ältere Anwender, die mangels Wissen & Interesse unsicher in der Bedienung sind.

Neue Technologien richtig nutzen

Das Internet und seine damit verbunden Technologien bieten jedoch viel mehr Möglichkeiten als nur eMails zu schreiben, zu surfen oder sich via soziale Medien auszutauschen.

Dank “smarten Geräten” wie Tablets, Smartphones, Smartwatches / Fitnessarmbändern sowie “intelligenter Software” sind wir heute in der Lage sehr viele Dinge & Aufgaben des Alltags zu automatisieren.

  • Beispiel Onlinefrankierung
    Wollen wir einen klassischen Brief versenden, brauchen wir keine Briefmarke mehr kaufen. DHL bietet schon lange die Möglichkeit an, online seine Briefe zu frankieren. Bezahlt wird bequem via PayPal, Kreditkarte oder Lastschrift.
  • Beispiel Buchung einer Reise
    Wollen wir verreisen, müssen wir eigentlich nur noch eins der zahlreichen Buchungsportale im Internet besuchen und dort buchen. Der Besuch eines Reisebüros ist eigentlich überflüssig geworden.

Doch dies ist erst der Anfang. Nehmen wir als Beispiel die USA. Dort sind smarte Devices wie z.B. die Apple Watch in der Lage, direkt mit dem Arzt oder Krankenhaus zu kommunizieren, da die aufgezeichneten Gesundheitsdaten direkt an diese Einrichtungen weitergeleitet werden. Im Worst- Case bedeutet dies, dass ein Krankenhaus in den USA schon über einen Notfall Bescheid weiss, bevor er telefonisch gemeldet wird.

Digitale Wüste Deutschland

Leider nutzen wir in Deutschland nur wenige dieser neuen Möglichkeiten, was ich persönlich absolut nicht verstehen kann. Beispiel Ballungsgebiet Ruhrgebiet, wo nach wie vor zahlreiche Orte noch nicht ans “schnelle Internet” (Breitband) angeschlossen sind. In ländlichen Regionen Deutschlands ist die DSL Technologie auch im Jahr 2016 nach wie vor ein unerfüllter Traum.

Beispiel digitaler Personalausweis

Auch der digitale Personalausweis wird seitens Verwaltungen und Behörden in seinen technischen Möglichkeiten nicht genutzt, obwohl dieser die Möglichkeit erschliessen würde, dass sich Bürger z.B. online selber bei ihrer Stadtverwaltung verwalten könnten. Gäbe es diese Möglichkeit, würden lästige Ämtergänge um z.B. einen neuen Ausweis zu beantragen oder ein KFZ  an- bzw.  abzumelden entfallen.

Meine Vision

Wie wäre es, wenn Deutschland über eine einheitliche Datenbank verfügen würde, wo alle Behörden und der Bürger selber Zugriff drauf hätten, um Verwaltungsangaben & Kommunikation zu vereinfachen? Mal eben online einen neuen Ausweis bestellen oder online Kindergeld beantragen?

Technologisch geht dies alles, wie uns Unternehmen wie Apple, Google oder Amazon jeden Tag eindrucksvoll beweisen.

Wie wäre es, wenn im Bildungswesen Schüler & Studenten nur noch digital via Tablet oder Computer lernen? Das Kaufen von Büchern würde entfallen, schriftliche Klassenarbeiten incl. zeitaufwendiger Korrekturen liessen sich dadurch um ein vielfaches vereinfachen und die Schüler würden bereits vom ersten Tag an lernen, neue Technologien sicher zu nutzen.

Wie wäre es, wenn jeder Bürger mit seinem Arzt und seiner Krankenkasse digital kommunizieren könnte und alle Parteien einen einheitlichen Datenstand vorliegen haben? Patientenakten müssten nicht mehr zeitaufwendig hin und her geschickt werden, Gutachten würde nicht mehr doppelt und dreifach angefertigt und Ärzte könnten sich viel mehr auf ihre eigentliche Arbeit, dem Behandeln von Patienten konzentrieren, statt sich mit zeitaufwendigen Verwaltungsakten zu beschäftigen.

Würden wir diese 3 Beispiele technologisch realisieren, würden wir alle wesentlich mehr Zeit und Lebensqualität gewinnen, weil sich Alltagsanforderungen einfacher bewältigen liessen. Ein Klick dauert nur wenige Sekunden, ein Ämtergang hingegen Stunden.

Persönliches Fazit

Deutschland verliert aufgrund seiner Trägheit und Untätigkeit immer mehr den Anschluss an die Gestaltung der digitalen Zukunft. Dank neuer Programmiersprachen kann Software in Verbindung mit smarten Devices immer selbstständiger denken und uns allen so den Alltag erleichtern … schade, dass Deutschland die neuen technologischen Möglichkeiten nicht nutzt. Wollen wir hoffen, dass wir schnell aufwachen, damit wir den Anschluss nicht gänzlich verpassen.

Chris

Chris

Seit 1999 in der IT in den Bereichen Infrastruktur, Entwicklung und Beratung aktiv.
Zertifizierter Microsoft & Apple Spezialist.
Chris

Letzte Artikel von Chris (Alle anzeigen)